Keiner Kennt Einen

Diesmal gibt es die Erstfassung einer Kurzgeschichte. Sie ist weder besonders gelungen noch besonders typisch oder sonst was. Sie ist einfach heute binnen einer Stunde als Schreibübung entstanden. Bearbeitung und / oder Anmerkungen folgen eventuell später mal. Habe momentan einfach zu viel Anderes um die Ohren.

Keiner Kennt Einen

Die meisten waren schon heim, aber an dem einen Tisch war es heute einfach zu schön, um aufzustehen. Noch war Bier da und es fühlte sich zu gemütlich an, so dass keiner gehen wollte. Hinterher wusste keiner, wie sie auf das Thema »Organisierte Kriminalität« gekommen waren oder wie sie es weitergesponnen hatten. Und dann sprach ausgerechnet der Rudi, der sonst immer so still war.
»Was heißt, verdammt noch mal, es gibt keinen, der gegen die auspacken möchte?«, entgegnete Rudi auf irgendeinen dummen Spruch von Hans. »Da lebt keiner lange, wenn er das ausposaunt! Schau mich an!«
Erika hob ihren Maßkrug. »Du schaust aber recht lebendig aus.«
»Als Rudi Sommer vielleicht«, sagte der. »Aber Rudolf Hintermeier ist tot.«
»Wer ist das denn?«, fragte Alexander.
»Na ich!«, sagte Rudi. »Als Bilanzbuchhalter vor acht Jahren. Die haben Geld gewaschen, über das Unternehmen.«
»Wer die?«, fragte Hans. »Gehörst du zu so einer Bande?«
»Quatsch! Aber ich bin ihnen drauf gekommen. Da wollten sie mich kaufen.«
»Und was hast du gemacht?«, fragte Erika.
»Wie bist du da rausgekommen?«, fragte Alexander.
»Was heißt rausgekommen?«, fragte Rudi. »Ich sage doch, der Hintermeier ist tot. Oder was glaubt ihr?«
»Kaufen lassen. So einfach hätte ich mein Haus auch gerne abbezahlt«, sagte Hans.
»Ihr habt keine Ahnung«, sagte Rudi. »Natürlich bin ich zur Polizei. Es ging vor Gericht und die haben tatsächlich einige verknackt.«
»Au, mann«, sagte Erika. »Das ist mutig.«
»Also …«, sagte Alexander und nickte heftig. »Ich trink auf dich.« Alle hoben die Krüge. »Heldenhaft … Aber die lassen dich doch nicht einfach davonkommen, oder?«
»Wenn du gegen sie bist, bist zu tot, so oder so. Also wurde ich Rudi Sommer.«
»Du hättest doch auch das Geld nehmen können«, sagte Hans.
»Blödsinn«, sagte Erika. »Da hat einer den Mut gegen die … Du denkst nur ans Geld!«
»Ein paar Jahre bestechen lassen, hätte ja gereicht«, murmelte Hans.
»Die lassen dich nicht nach ein paar Jahren raus«, sagte Alexander. »Eine heftige Entscheidung …«
»Heftig«, wiederholte Rudi. »Alles haben wir aufgeben müssen. Das Haus. Die Familie. Freunde. Du kannst nicht zurück, sonst finden sie dich. Du bist kein Held, sondern ein übervorsichtiges Nervenbündel. Hinter jedem Busch … bei jedem Geräusch …«
»Hat … hat deine Frau deswegen …«, fragte Erika. »Ich meine …«
Es war einen Moment still am Tisch.
»Sie hat es nicht mehr ausgehalten über die Jahre«, sagte Rudi. »Ihre Depressionen wurden immer schlimmer.«
»Oh, mann«, sagte Alexander. »Tut mir leid.«
»Ich trage immer eine Waffe bei mir«, sagte Rudi und legte eine Kleinkaliberpistole auf den Tisch. Er wandte sich an Hans: »Was meinst du, wieso keiner bekannt ist, der gegen die aussagt? – Lebend kriegen die mich nicht.«
Der Abend endete irgendwann. Die Runde wurde nie zu einem Heldenstammtisch, denn Rudi verschwand. Unbekannt verzogen.