Hänsel und Gretel reloaded – Konfliktlösung II

Zuletzt hatten wir einen Kompromiss als mögliche Konfliktlösung zwischen Protagonisten einer Geschichte. Neben Tod und Flucht gibt es da noch die schlichte Unterwerfung, aber je zivilisierter die Lösung umso komplizierter! Besonders für Gerichtsfilme geeignet ist die folgende Methode.

Alles auf Anfang: Die böse Stiefmutter schafft es, dass Hänsel und Gretel im Wald ausgesetzt werden. Die Beiden suchen ihren Weg und kommen an das Hexenhaus. Die böse alte Hexe lässt Gretel für sich schuften und sperrt Hänsel in den Käfig um ihn zu mästen und später zu essen. Nun ist der Zeitpunkt gekommen: Die Hexe hat Hunger und befiehlt Gretel nach dem Ofen zu sehen …

Delegation als Konflikt-Lösung

Das Feuer ist ziemlich heruntergebrannt, da würde Hänsel nie durchbraten.
Gretel greift zur List: Sie könne die Temparatur nicht einschätzen. Die Hexe drängt nach vorne. Gretel schubst, die Hexe fällt und die gußeiserne Ofentür ist – Zack – zu!
Die Hexe tobt und schreit. Im Nu hat Gretel Hänsels Käfig geöffnet, da ruft jemand: »Keine Bewegung!«
Der Jäger steht in der Tür, das Gewehr auf die beiden gerichtet.
»Wir wollten nur …«, beginnt Gretel.
»Die arme alte Frau umbringen!«, vollendet der Jäger und geht zum Ofen.
»Genau!«, ruft die Hexe. »Schlimm die heutige Jugend!«
Der Jäger greift nach der Ofentür.
Hänsel tritt vor. »Vielleicht können Sie uns helfen? Das ist nämlich eine Hexe, die mich fressen wollte.«
»Gar nicht wahr!«, ruft die Hexe und mit lieblicher Stimme fügt sie hinzu: »Darf ich jetzt raus?«
Der Jäger zögert.
»Sie könnte sie verhexen, wenn sie jetzt öffnen«, warnt Hänsel.
Der Jäger fasst sich an die Nase. »Moment. Das will überlegt sein.«
»Na, gut«, ruft die Hexe. »Aber schnell!«
»Eingesperrt hat sie mich«, erklärt Hänsel und Gretel ergänzt: »Und ich musste die ganze Zeit für sie schuften!«
»Rührend gekümmert habe ich mich!«, hört man aus dem Ofen. »Und hier drin wird es allmählich echt heiß!«
»Freiheitsberaubung. Hm …« Der Jäger hebt den Zeigefinger. »Anderseits kann dir ein bissel Arbeit nicht schaden, Pummelchen.«
»Sie hat mich wie eine Sklavin gehalten!«, protestiert Gretel.
»Das hat man davon!«, ruft die Hexe. »Undankbares Pack! Darf ich jetzt endlich raus?«
Hänsel stampft mit dem Fuss auf. »Ich durfte auch nicht aus dem Käfig raus!«
»Das ist ein Punkt«, meint der Jäger. »Da müssen wir erstmal alles klären.«
»Au weh, au weh!«, hört man da aus dem Ofen. »Au! Au! Au!«
»Sie warten gefälligst!«, grollt der Jäger. »Wie kommt ihr Kinder eigentlich hierher?«
»Die Eltern haben uns im Wald allein gelassen.«
Der Jäger nickt. »Aufsichtspflichtverletzung! Dafür wandert mir eure Mutter in den Bau.«
Hänsel und Gretel schauen sich an. »Das ist doch nur unsere Stiefmutter.«
»So, so«, überlegt der Jäger. »Dann euer Vater. Damit seid ihr auch gestraft, wegen Körperverletzung an der Hexe.«
»Och«, schmollen die Kinder.
»Gut, ich glaube, jetzt ist alles geklärt.« Der Jäger grinst zufrieden. »Ich bring euch nach Hause.«
Er klopft an die Ofentür. »Also, sie bleiben noch ein paar Sekunden drin, dann ist es gut.«
Stille.
Der Jäger hebt die Schultern. »Äh. Wir gehen dann.«

Wir sehen wieder einmal, dass auch Delegation keine Gewähr für absolute Zufriedenheit bei allen Konfliktparteien gewährleistet.
Und keine Sorge: Das Biergartenwetter ist vorbei und ohne Schnapslaune gibt es hier keine Fortsetzung. Vielleicht sind beide Seiten dann auch zufriedener … 😉