Mr. President und das freundliche Atom

Professor B. sitzt im Büro des Regierungschefs eines modernen Staates. Dessen Berater, Mr. C, erklärt nochmal alles: »Das Gespräch muss absolut geheim bleiben. Nennen Sie ihn nicht beim Namen, sondern nur Mr. President. Wenn Sie das Gespräch konstruktiv beenden, spenden wir die vereinbarte Summe für einen guten Zweck.« Er zeigt den Scheck und steckt ihn in die Innentasche des Jackets. »Es ist eminent wichtig. Vielleicht bewirkt das Gespräch etwas.«
Der Kopf des Professors bewegt sich ungläubig hin und her. »Nicht ihr Ernst! – Und wieso soll ich so ein veraltetes Hörgerät tragen? Ich bin nur ein klein wenig harthörig
»Natürlich, Herr Professor. Aber Mr. President ist nicht mehr der jüngste und trägt ein praktisch nicht sichtbares Hörgerät. Er ist etwas eitel und findet Sie … äh, sympathischer, wenn Sie so ein gut sichtbares Hörgerät tragen.«
Die Tür schwingt auf und herein kommt Mr. President.
Mr. C begrüßt ihn und stellt den Professor vor. Mr. President geht nicht darauf ein. »Die Verwüstungen durch das Hochwasser schwemmen mir den Wahlkampf weg!« Mr. President tritt an seinen Schreibtisch. »Und das schlimmste: In diesen Überschwemmungsgebieten feiern die Leute ihre Helfer statt mich. – Bah! Wasser! Ekeliges Zeug.« Er schüttelt sich. »Verdammtes Klima.«
»Es ist eher das Wetter, Mr. President, nicht das Klima«, sagt der Professor.
Erstaunt sieht Mr. President ihn an. »Ach, sind sie ein Wetterwurml? Ich dachte, Sie sind dieser Atom-Schlaukopf.«
Der Professor stellt die Augenbrauen schräg. »Bitte?«
Schräg hinter Mr. President steht Mr. C und lächelt. Er macht einige entschuldigende Gesten. Es vergehen ein paar Sekunden. Der Professor lässt sich beschwichtigen.

Ein Professor im Präsidenten-Büro


Während dieser Zeit setzt Mr. President sich und legt die Beine auf den Schreibtisch. »Mann, ich muss Klimaziele einhalten. Der Wirtschaftsminister schlägt vor, in Atomkraft zu investieren. Mein Berater hier mein, Sie könnten ein paar Argumente liefern, mit ihrer langjährigen Erfahrung.«
»Sie denken an meinen Flug zum Mond mit der atomar betriebenen Rakete? Das war 1950.«
»Mir egal, woher Sie ihre Erfahrung haben. Schauen Sie, als ich damals ein Kind war, hat man uns im Fernsehen beigebracht, dass das liebe, kleine Atom unser Freund ist. Es machte so schöne, große Pilze beim explodieren.« Er sieht den Professor kummervoll an. »Also das eines klar ist: Kommen Sie mir nicht mit Strahlenunfällen. Diesen grausigen Klimbim kennt nun wirklich jeder. Ich sage: Unfälle passieren eben. Das muss man einpreisen.«
Der Professor presst kurz die Lippen zusammen. »Sie meinen, das diejenigen Bürger, die ausgerechnet in der Nähe eines Atomkraftwerkes wohnen werden, dann im Falle eines Unfalls für unser aller Strom, eben den Preis bezahlen.«
Mr. President breitet die Arme aus. »Bedauerlich, aber zur Rettung des Klimas muss auch ich Opfer bringen. Und wenn es ein paar meiner Wähler sind.«
Da macht der Professor Anstalten aufzustehen. »Ich glaube, mir gefällt nicht, wohin dieses Gespräch führt.«
Sofort faltet Mr. C die Hände. Seine Lippen formen ein lautloses »Bitte, Bitte!«.
Das sieht der Professor, schließt mal eben die Augen, holt Luft und versucht, es sich in dem Sessel noch einmal bequem zu machen.
Mr. President schaut an die Decke. »Wasserkraftwerke könnte ich einige bauen lassen. Aber von dem verdammten W-w-wasser will ich nichts hören.« Er verkrampft für einen Augenblick. »Versaut mir nur den Wahlkampf.«


Er atmet hörbar aus, dann blickt er den Professor an. »Diese Klima-Komiker wollen die Landschaft mit riesigen Windkrafträdern verspargeln oder mit Solarpanelen zupflastern. Ein einziges kleines Kernkraftwerk liefert genauso viel Strom aber verschandelt nur einen Platz und die übrige Landschaft bleibt unberührt. Das hab ich schon mal verstanden.«
»Sie können die Fläche unter den Solarpanelen gut nutzen, nicht nur für Pflanzen. Wenn sie dort nichts weiter als eine einfache Wiese wachsen lassen, wird die Natur ihnen dankbar sein. Vor allem Insekten und Kleintiere. Viele gut verteilte Solarfelder könnten helfen, der gerade bedrängten Natur wieder mehr Raum zu geben.«
»An einem AKW kann man auch ein paar Wiesen pflanzen. Jedenfalls gibt es dort keine Kohlendioxidemissionen. Das ist es doch, was diese Freitags-Gestalten wollen.«
»Ohne Kohlendioxidemissionen geht es nirgends. Was denken Sie, wieviel Kohlendioxid schon von Gewinnung des Urans bis zur Herstellung der Brennstäbe erzeugt wird? Von gesichertem An- und Abtransport fange ich gar nicht erst an.«
»Ich sage den Leuten einfach, dass Solarpanele durch zuviel Sonne radioaktiv werden. Dann müssen die auch abtransportiert werden. Es gleicht sich dann aus.«
»Das ist doch Unsinn.«
Mr. President hebt die Schultern. »Ein neuer Fakt. So schnell geht das. Weiter. Uran ist ressourcenschonend und hält noch ewig. Toll, oder?«
»Ob hundert Jahre oder dreihundert eine Ewigkeit sind? Windkraft können wir noch in zehntausenden von Jahren gewinnen. Und was, wenn unsere Kindeskinder in der Zukunft einmal herausfinden, dass sie zur Rettung der Menschheit die Ressource Uran bräuchten, die ihre Vorfahren aber komplett verbraucht haben und als strahlende Überreste irgendwo wegschließen mussten?«
»Immerhin hätte ich damit erstmal unser Klima gerettet. Das genügt mir.«
»Mr. President, Uran für ihre Kraftwerke liegt nicht überall im Vorgarten herum. Die Handelspreise werden zweifellos schnell steigen.«
»Wenn die [piep] da Schwierigkeiten machen, erhöhe ich denen die Zölle! Oder die [piep] in [piep]. Wenn ich mit meinem Handelskrieg fertig bin, werden sie mich anflehen, ihr Uran abzukaufen.«
Der Professor hat die Hände zu Fäusten geballt, während Mr. C die Arme ausbreitet. Innerlich zählt der Professor bis zehn und reißt sich zusammen. »Sie sind aber nicht deren einziger Uran-Kunde.«
»Auch mit den anderen werde ich verhandeln. Auf meine Art. Überlassen Sie das mir. Weiter. Ich höre Solar- oder Windkraftwerke können nicht durchgehend Strom liefern. Sobald weniger Sonne scheint oder weniger Wind weht, schwankt die Strommenge. Ein Spitzen-Gegen-Argument!«
»Auch Kernkraftwerke haben Achillesfersen. Sie brauchen Kühlmittel und das ist in aller Regel das Wasser der Flüsse. Heizt sich das im Sommer jedoch auf, kühlt es nicht so gut. Dann muss das AKW seine Leistung herunterfahren. Auch hier schwankt also die erzeugte Strommenge.«
»Verdammtes Wasser!«, ruft Mr. President und zieht die Schultern hoch, während es ihn heftig schaudert. »Ruiniert wirklich alles. Wir bräuchten viel mehr Wüste und Sand, am besten Ölsand. – Zurück zum Thema. Ein AKW ist jedefnalls ein zuverlässiger Energielieferant und nicht von Wind oder Sonne abhängig. Das ist doch was feines.«
»Das hat aber auch Abhängigkeiten. Die hätte ein neues, gut gebautes dezentrales Netz mit regenerativen Energien nicht. Wenn die Bürger an der lokalen Stromgewinnung beteiligt sind, dürfte die Akzeptanz dafür steigen. Jedenfalls mehr, als wenn sie denen ein AKW in die Nachbarschaft stellen. Ihr zuverlässiger Energielieferant darf nämlich nicht ausfallen.«
»Was sollte ein Atomkrafwerk denn hindern?«
»Störfälle. Außerdem: ein Kernkraftwerk ist ein unübersehbares Angriffsziel für Terroristen. Im Falle eines Krieges ist es nicht einmal gegen konventionelle Waffen zu verteidigen. Gerade im Krisenfall ist diese zentrale Energieversorgung in mehrfacher Hinsicht ein neuralgischer Punkt. Und was Naturkatastrophen angeht …«
»Blödsinn! Man muss das AKW nicht unbedingt auf einen Vulkanabhang stellen und die Unternehmen sind sicher, dass sie es erdbebensicher bauen können.«
»Das letzte erdbebensichere AKW, das einen Super-GAU hatte, wurde überschwemmt.«
Mr. President stöhnt. »Wasser! Verdammtes Wasser.« Sein Gesicht verkrampft für Sekunden. Seine Arme zittern, als er nach einer Flasche Cola greift und einen tiefen Zug trinkt.
»Zudem«, fährt der Professor fort, »ist Atommüll ein strahlendes Erbe für künftige Generationen. Wir ruinieren vermutlich gleichzeitig das Klima. Zwei fette Geschenke, die unsere Kindeskinder nicht ablehnen können.«
»Na, ja. Das sind aber schon auch Probleme nach meiner Amtszeit. Die jetzige Klima-Clique ist mein Ziel, alles andere ist nachrangig. Ein paar Aufgaben muss ich meinen Nachfolgern schon hinterlassen.«
»Wer zahlt Bau und Abriss des Atomkraftwerkes? Wer für den Müll?«
»Zwei Dinge weiß ich: Die Unternehmer die das betreiben wollen, werden es nicht bezahlen, aber der Staat braucht den Strom und kann das AKW nicht allein betreiben. Eine Win-Win-Situation für alle.«
Der Professor ist drauf und dran das Hörgerät herunterzureißen. Mr. C sinkt auf die Knie und zeigt verzweifelt auf sein Jackett, wo der Scheck für den Guten Zweck noch steckt.
Mit den Fingern kratzt der Professor an der Sessellehne und zerreißt den Stoff. Doch er bleibt sitzen.
Derweil nutzt Mr. President die Zeit und steckt sich eine Zigarre an. Er pafft.
Da endlich, scheint es, hat der Professor eine Idee. »Mr. President, wir brauchen bei all dieser Technik noch emissionsfreie Zwischenspeicher im Stromnetz, damit es Abnahmeschwankungen ausgleichen kann.«
»Wie macht man das?«
»Etwa mit Pumpspeicherwerken. Die pumpen bei zuviel Strom im Netz Wasser …«
Bei der Erwähnung von Wasser verzieht Mr. President den Mund krampfhaft.
»… in einen höher gelegenen See und wenn Strom benötigt wird, rauscht dass Wasser durch Turbinen hinab.«
Mr. President hat einen massiven Schüttelanfall. »Brr. Wasser. Überall dieses üble Wasser.«
»Ja, wirklich übel. Das viele Wasser, dass mittlerweile allein mit Talsperren auf der Nordhälfte der Erde zurückgehalten wird, bringt die Erdachse ausser Takt und führt zu Abweichungen der Rotation.«
»Sage ich es nicht? Verdammtes ….« Er ringt um das Wort.
Der Professor hilft: »Wasser.«
Mr. President schüttelt es so sehr, dass sein Stuhl heftig knackst und knarzt.
»Ich werde das verdammte W-w-w…asser an Getränkefirmen verkaufen. Sollen die sich damit rumärgern.«
»Meine Rakete mag atomgetrieben gewesen sein. Schon richtig: Mit Windkraft wären wir nicht zum Mond geflogen.«
»Ein wunderbares Beispiel, dass ich zitieren werde. Der Mond. So schön trocken.«
»Ja, nur wenn wir die Herausforderung, das Klima zu retten, als Menschheit nicht annehmen, dann bringt es auch nichts, unsere Probleme auf andere Himmelskörper mitzunehmen.«
Die Stirn in Falten legend beugt sich Mr. President nach vorn.
Der Professor fährt fort: »Wissen Sie, was wir auf dem Mond gefunden haben?«
Mr. President fällt die Zigarre aus dem Mundwinkel. In seinen Augen kann man große Unsicherheit erkennen. »Doch nicht etwa …?«
»Richtig! Wasser! Richtig viel Wasser.«
Ein heftiges Zucken setzt bei Mr. President ein. Es wird so massiv, dass er vom Stuhl fällt.
Jetzt steht der Professor auf. »Möchten Sie noch etwas wissen.«
Mr. President keucht beim Aufstehen. »Erwähnen Sie nie wieder dieses verdammte W-w-w … Wort!« Mühsam wirft er sich in seinen Stuhl. »Wissen Sie was? Keine vermaledeiten AKW. Ich lasse lieber wieder Öl-, Gas- und Kohlekraftwerke bauen und lange laufen. Die verbrennen nur gutes Zeug.«
»Wissen Sie, womit in diesen Kraftwerken die Turbinen betrieben werden?«
»Nein! Will ich nicht hören. Gehen Sie! Den nächsten Berater, der mir jemanden mit W-w-w…was auch immer vorschlägt, werde ich feuern!«
Der Professor wendet sich an Mr. C. »Für so ein Ergebnis hätten wir keine endlose Konferenz gebraucht.«
»Leider.« Er übergibt seinen Scheck für den guten Zweck.
Winkend verabschiedet sich der Professor. An der Tür wendet er sich noch einmal kurz um. »Könnte ich vielleicht einen Schluck Wasser haben?«
»Aaaaaah!«